Trichotillomanie & Haarpflege

Erfahrungen, Rahmenbedingungen und Möglichkeiten zur Intervention
Ein Dissertationsprojekt an der Universität zu Köln

Die Trichotillomanie-Forschung konzentriert sich primär auf die konkrete, destruktive Handlung, die ein Mensch auf seine Haare ausübt, auf deren Prävalenz, Beginn und Ursachen, ihre Variationen, Komorbiditäten sowie das Potenzial von Bewältigungsmechanismen und verschiedenen Therapieformen.Dabei bislang kaum beachtet wurde die Rolle die das offensichtliche konstruktive entgegengesetzte Verhalten spielt, welches alles umfasst, was ein Mensch mit Trichotillomanie für sein Haar tut: die tägliche Pflege, das Schneiden, Stylen und die Behandlung der kahlen und verletzten Stellen.Beide Verhaltensweisen treten bei allen Menschen mit Trichotillomanie gleichzeitig auf, mit Ausnahme schwerer Fälle, in denen eine Person jegliche Körperpflege völlig vernachlässigt.

In der Forschungsliteratur wurde der Besuch des Friseurs im Zusammenhang mit der Vermeidung von sozialen Kontakten erwähnt, Franklin et al. 2007 und Haarpflege als Option für Selbstfürsorge, Mansueto et al. 2019. In einer Studie wurden Friseurinnen befragt, wie viele Trichotillomanie-Kundinnen sie haben und wie ihre Dienstleistungen bezüglich der Erkrankung aussehen. Das Ergebnis war, dass die Friseurinnen ihren Kundinnen mit den kosmetischen Folgen helfen konnten, ihnen zuhören konnten, aber bezüglich des Symptomverhaltens keine Hilfe bieten konnten. Neal-Barnett et al. 2000

Informell werden folgende Themen immer wieder von Betroffenen in den sozialen Medien und in den Selbsthilfegruppen besprochen:

• wie man die Haare stylt, um kahle Stellen abzudecken oder wie man fehlende Augenbrauen und Wimpern ausgleicht
• wie man Haare und Kopfhaut pflegt, um Wunden zu behandeln
• wie man neues Haarwachstum fördert
• aufgrund von Scham den Gang zum Friseur vermeiden
• befürchten, dass der Friseur nicht mit Trichotillomanie vertraut ist und der Betroffene sich erklären, verteidigen oder lügen muss.
• frustrierende Erfahrungen mit einem Friseur, wenn man sich beurteilt, missverstanden, lächerlich gemacht oder gerügt fühlt
• positive Erfahrungen mit einem Friseur, bei dem man sich wie ein normaler Kunde behandelt fühlt• die Erfahrung, nach einem Haarschnitt weniger an den Haaren zu ziehen• sich selbst Haare schneiden
• Alle Kopfhaare abrasieren

…Fortsetzung folg…

Die vielen Gesichter der Trichotillomanie [Haar-fokussierten Verhaltenswiederholungen] und Wege der Bewältigung

Dieser Artikel über die verschiedenen Ausprägungen des zwanghaften Haareziehens enthält biografische, psychologische und wissenschaftliche Elemente, die zu einem ganzheitlichen Verstehen dieser Erkrankung einladen. Der vorgestellte Lösungsansatz möchte Betroffene, Familienangehörige und Forscherinnen gleichzeitig ansprechen.

 GENETIK [Gern den Begriff nicht als Überschrift sondern seitlich oder als Wassermark einfügen]

Meine Großmutter sitzt mir gegenüber, und ich esse überglücklich ihren noch warmen Topfkuchen. Wie gewohnt sehe ich ihr halbes Lächeln, das andere ist von ihrer Hand bedeckt. Sie hat ihre Fingernägel im Mund zwischen den Zähnen.

In der genetischen Forschung wird zwischen familiären und genetischen Faktoren differenziert. Zwillings- und Familienstudien zum Einfluss der familiären Faktoren auf Trichotillomanie und Zwangsspektrumsstörungen zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit der Betroffenheit höher ist, wenn auch ein enger Verwandter betroffen ist.

Genomweite Assoziationsstudien beziehen sich auf den Zusammenhang zwischen individueller Genetik und dem Symptomverhalten unabhängig davon, ob ein Familienmitglied betroffen ist oder nicht.  Erste Ergebnisse deuten auf Gene hin, die an der Entwicklung von Zwangsspektrumsstörungen und BFRBs beteiligt sind, doch befindet sich dieser Forschungszweig noch im Anfangsstadium.(1) (2)

TRAUMA [Gern den Begriff nicht als Überschrift sondern seitlich oder als Wassermark einfügen]

In beiden Seiten meiner Familie wurde versucht, sich das an den Nägeln kauen und an der Haut pulen abzugewöhnen. Es wurde auch darüber gesprochen, gefachsimpelt, was helfen könnte und sich gegenseitig darauf hingewiesen, um die Person auf ihr Verhalten aufmerksam zu machen. Dass diese Verhaltensweisen aufgrund ihrer Intensität und Häufigkeit mehr als lästige Gewohnheiten waren, war allen klar. Die Traumata, die unsere Familie erschüttert haben: die Flucht aus Westpreußen, das Ausgebombt werden in Hamburg und der damit einhergehende Verlust des Zuhauses reichten als Erklärung.

Persönliche Traumata wie extreme Vernachlässigung, Missbrauch, Tod nahestehender Personen, Unfälle, Krankenhausaufenthalt, Verschickungen, Trennungen sowie im Familiensystem verankerte Traumata können ursprüngliche Ursachen sein, die nach kurzer oder längerer Zeit das Symptomverhalten auftreten lassen. Zu der Korrelation Kindheitstrauma und Trichotillomanie und Nägelkauen gibt es eine Studie, die signifikante Zusammenhänge aufdeckt.  Etwa 50% aller Betroffenen berichten, dass beim ersten Auftreten des Symptomverhaltens zeitgleich ein negatives Ereignis stattfand. (3)

UMWELT- ERLERNTES VERHALTEN [Gern den Begriff nicht als Überschrift sondern seitlich oder als Wassermark einfügen]

 Mit 9 Jahren fing ich an, meine Nägel abzukauen, und das wollte keiner. Die Qual sollte nicht mit mir weitergehen. Ich wurde mit Hausmitteln und fragwürdigen Erziehungstechniken therapiert. Die für mich extrem nervigen Maßnahmen führten zur Einstellung des Nägelkauens. Heute Dekaden später kann ich immer noch keine langen Fingernägel tragen und ertragen. Zwei Jahre später fing ich an, an den Haaren zu ziehen.  Meine Eltern kapitulierten. Sie erlebten einen next level von Machtlosigkeit. Doch ich wollte dieses Verhalten verstehen und bewältigen, um jeden Preis.

Wie hängt es mit Nägelkauen zusammen? Was sind die Ursachen? Gibt es einen Namen? Haben andere das auch? Wie ist der Verlauf? Kann man diese Störung heilen?

Es dauerte ein paar Jahre bis ich in der Staatsbibliothek auf einem Microfiche einen englischen Abstrakt fand, in dem eine Frau beschrieben wurde, die an Trichotillomanie litt. Damit öffnete sich eine Tür in das weltweite Feld der Trichotillomanie-Forschung.

…Fortsetzung in Arbeit…

Übersicht verschiedener BFRBs

Die Trichotillomanie und die Dermatillomanie hat im ICD-11 ein Zuhause unter dem Schirm der körper-fokussierten Verhaltenswiederholungen gefunden und in dem DSM-5 unter den Zwangsstörungen.

Hier ist eine Übersicht über weitere bekannte körperfokussierte repetitive Verhaltensweisen.

Bis auf die mundbezogenen BFRBs können alle anderen Ausprägungen als pathologische Pflegeverhalten gesehen werden.

Haar
Haupthaar, Augenbrauen, Wimpern, Barthaare, Körperbehaarung, Schamhaare

Trichotillomanie, das Herausziehen der eigenen Haare
Trichotemnomanie, das Abschneiden der Haare, der Haarspitzen
Trichocryptomanie, das Abbrechen der Haare über der Kopfhaut
Trichophagie, das Essen der Haare, das auf den Haaren beißen

Haut
Dermatillomanie, Excoriation Disorder, Skin Picking, an der Haut pulen oder knibbeln, quetschen oder kratzen

Dermatophagie, an der Haut knabbern und essen

Nägel
Onychophagie, Nägelkauen, Nägel essen

Onychotillomanie, Nagelreißen

Nase
Rhinotillexomanie, in der Nase pulen

Augen
die Augen wiederholt mit den Fingern reinigen, um Schleim oder Ausscheidungen zu entfernen

Mund
Morsicatio buccarum, Wangenbeißen

Morsicatio labiorum, Lippenbeißen
Morsicatio linguarum, Zungenbeißen

Es gibt noch weitere BFBRs wie Kratzen oder am Daumen lutschen, wenn sie besonders intensiv und häufig ausgeführt werden.

Linda Hollatz

Linda Hollatz

Dipl.-Psych., Heilpraktikerin für Psychotherapie, Promovendin an der Universität zu Köln

 

www.lindahollatz.de

Unten links das Foto hat auch nur 72 DPI sah aber gut gedruckt aus.  Die Wortwolke könnte ich auch auf deutsch machen.

Darunter drei Versionen menes Logos, das gut zu der Übersicht der BFRBs passen würde.